Kein Saft mehr

Es hatte tagsüber immer wieder heftig geregnet. Die Straße schimmerte noch feucht im Licht der Straßenlaterne, als Heddy an einem viel zu warmen Dezemberabend in den Bus stieg, um nach Hause zu fahren. Wie so oft war die Zahl der anderen Fahrgäste überschaubar. Heddy suchte zwei freie Plätze für sich und seinen Rucksack, setzte sich bequem hin und überlegte. Wie sollte er sich diesmal die Zeit vertreiben? Die Buslektüre hatte er schon morgens erledigt, so dass er mit gutem Gewissen faulzenzen konnte. Heddy überlegte, ob er einfach aus dem Fenster blicken und sich in seinen Gedanken verlieren sollte. Er befürchtete aber, dabei einzuschlafen und die Haltestelle zu verpassen, an der er aussteigen musste. Das war schon mehrmals vorgekommen.

Heddy öffnete ein Fach an seinem Rucksack, dass für einen MP3-Player und einen Kopfhörer reserviert war. Er verwendete einen altmodischen Bügelkopfhörer, mit dem er wirklich lächerlich aussah. Da die üblichen Ohrstöpsel aber ständig aus seinen Ohrmuscheln rutschen oder so locker saßen, dass sich die Musik in Außengeräuschen verlor, hatte er keine Wahl. Natürlich hatte er von den neumodischen Ohrhörern gelesen, die nach Art eines Hörschutzmittels geknetet und dann ins Ohr eingeführt wurden. Wenn man den diesbezüglichen Erzählungen und Testberichten glauben konnte, mussten diese Geräte für ein völlig neues Klangerlebnis sorgen. Es war ihm jedoch nicht gelungen, seine hygienischen Vorbehalte gegenüber dieser Technik zu überwinden.

 

Einige Zeit später füllten sich seine Ohren mit höchst erfreulichen Klängen: Silje Nergaard sang Dreamers at Heart. Mitten in seinem Kopf. Das Album war noch recht neu, aber er zählte diesen Song schon zu seinen Top 50. Oder sollte er lieber vorsichtig sein und Top 75 sagen? Egal - auf jeden Fall eine tolle Nummer.

 

Heddy rutschte in seinem Sitz ein wenig tiefer, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seine Blicke schweifen. Es faszinierte ihn immer wieder, wie eine positive Sinneswahrnehmung (in diesem Fall schöne Musik) die Qualität anderer Eindrücke verbessern konnte. Wenn eben noch ein Geruch nach nassen Schuhsohlen und heimkehrenden Menschen durch den Bus geweht hatte, so konnte er ihn jetzt kaum noch wahrnehmen. Auch der unbequeme Sitz drückte nicht gar nicht mehr so arg in seinem Rücken. Die anderen Fahrgäste, die er nicht kannte, sahen auf einmal viel sympathischer aus, und die Innenbeleuchtung des Busses, die sich in den schwarzen Scheiben spiegelte, strahlte plötzlich so etwas wie Gemütlichkeit aus.

 

Das Klaviersolo in der Mitte von Dreamers at Heart hatte gerade ein vorsichtiges Lächeln auf Heddys Gesicht erscheinen lassen, als mit einem Mal das Motorengeräusch des Busses aufdröhnte. Das Licht in den Scheiben erkaltete, das harte Plastik der Rückenlehne presste sich zwischen zwei Rückenwirbel, die Menschen um Heddy herum saßen stumm und fremd in ihren Sitzen, und feuchte Luft strömte in seine Nase. Die Musik hatte mit einem Mal aufgehört. Er blickte auf seine Hand. Das Lämpchen an seinem MP3-Player hatte schon beim Einschalten rot geleuchtet, und nun war es so weit: Der Akku war leer. Kein Saft mehr. Heddy sagte leise ein böses Wort, aber niemand hörte ihn. Er verstaute den Kopfhörer wieder im Rucksack und überlegte, ob er lesen sollte, denn die Fahrt war noch lang. Nach kurzem Nachdenken entschied er sich dagegen, starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und fabrizierte in Gedanken diese kleine Schreibübung, die nun schon wieder zu Ende ist.